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Gegner der Grünen behaupteten hin und wieder, die Partei, insbesondere ihr linker Flügel, sei aus der DDR gesteuert worden. Drei Stasi-Mitarbeiter, die hohe Positionen inne hatten, konnten tatsächlich enttarnt werden. Eine von den Grünen in Auftrag gegebene Studie „Die Staatssicherheit und die Grünen“ aber kommt zu dem eindeutigen Ergebnis, dass die Partei nicht im Geringsten ferngesteuert war. In einem Brief an die Autorinnen und Autoren vom 26.10.2016 reiche ich noch eine kleine Klarstellung nach.

 

Lieber Herr Gieseke, liebe Frau Bahr,

mit großer Spannung habe ich die Vorstellung Ihrer Studie „Die Staatssicherheit und die Grünen“ im Hause der Heinrich-Böll-Stiftung verfolgt. Nun habe ich das Buch aufmerksam gelesen und möchte Ihnen meine Anerkennung für die exakte Methodik, genaue empirische Analyse und nachvollziehbare Interpretation aussprechen.

Wichtig ist Ihre Arbeit für mich persönlich nicht nur deshalb, weil ich ein zeitgenössischer Akteur war, sondern auch, weil ich in meiner Dissertation der grünen Deutschlandpolitik ein langes Kapitel gewidmet habe. Zum Glück konnte ich nun feststellen, dass meine zwischen 1996 und 1998 formulierten Analysen, denen keine Stasi-Unterlagen zugrunde lagen, durch Ihre Erkenntnisse nicht falsifiziert wurden. Im Gegenteil, meine damaligen Einschätzungen wurden im Prinzip wie auch in zahlreichen Details bestätigt. Das trifft auch für meine populär-historische Darstellung der grünen Parteigeschichte zu. Falls Sie hineinschauen wollen:

„Die Grünen und die Außenpolitik – ein schwieriges Verhältnis“, Münster 1998, S. 222-252

„Die Grünen  – von der Protestbewegung zur etablierten Partei“, München 2009

Wenn ich mir eine kleine kritische Anmerkung erlauben darf, die Sie vielleicht bei einer zweiten Auflage berücksichtigen könnten:

Sie haben in der Diskussion wie auch auf ein oder zwei Seiten in Ihrem Buch die Rolle der „Ökosozialisten“ angesprochen. Hier ist es m.E. zu einer falschen Pauschalisierung gekommen. Es gab bei den Grünen zahlreiche Akteure, die sich so benannten und oft an einem Strang zogen. In wichtigen Fragen aber – auch in der Deutschlandpolitik – wurden tiefgehende Unterschiede deutlich. So gab es eine aus dem  „Kommunistischen Bund (KB)“ (besonders in Hamburg) entsprungene Unterströmung, die die Alexanderplatzaktion und die Unterstützung von DDR-Oppositionsgruppen heftig und grundsätzlich kritisierte (Trampert, Ebermann, Reents). Eine, dem „Sozialistischen Büro (SB)“ nahestehende Unterströmung war allerdings ganz anderer Ansicht (Eckhard Stratmann, Frieder Otto Wolf, ich selbst), wie Sie meinem Buch entnehmen können. Die pauschalisierte Kritik an den Ökosozialisten übernimmt Klischees der kleinen Gruppe prominenter Bürgerrechtler, deren Alleinvertretungsanspruch für die DDR-Opposition Sie selbst zu Recht infrage stellen.

Eng damit verbunden ist die Bewertung der Zeitschrift „Kommune“. Sie bemerken an einer Stelle, dass dieses Blatt das theoretische Selbstverständigungsorgan der Grünen gewesen sei. Dieser Eindruck ist nicht ganz richtig. Es gab seit Beginn der achtziger Jahre zwei konkurrierende Zeitschriftenprojekte. Neben der „Kommune“ existierte die „Moderne Zeiten (MOZ)“. Letztere Stand der „Gruppe Z“, den aus dem KB abgespaltenen, zu den Grünen gewechselten Hamburger Ökosozialisten nahe, wurde aber auch von anderen Linken als Verständigungsorgan genutzt. Die „Kommune“ war ein Konkurrenzprodukt aus Kreisen, die zuvor dem „Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW)“ angehört hatten (z.B. Ralf Fücks, Joscha Schmierer). Hier äußerten sich auch gern ehemalige Angehörige anderer maoistischer Gruppen wie der „KPD/AO“ und ihrer Vorfeldorganisationen wie der „Liga gegen den Imperialismus“, die besonders in der AL Berlin und in Ost-Westfalen stark vertreten waren. Beide Gruppierungen fochten ihre alten, aus der K-Gruppen-Zeit stammenden Kontroversen nun unter grünem Dach über diese Zeitungen aus. Die Ex-Maoisten konnten so ihre entspannungsfeindliche antisowjetische Stoßrichtung fast unverändert unter neuer Marke fortsetzen; die Ex-KB’ler wiederum, die keine Freunde der DDR/SED waren, nahmen diese gegen Angriffe der (vermeintlichen) deutschen Rechten in Schutz. Die „Moderne Zeiten“ ging nach einigen Jahren ein; die „Kommune“ überlebte nicht zuletzt deshalb, weil Gelder des abgewickelten KBW dort hinein flossen. Die „Kommune“ wurde in der Folge das Selbstverständigungsorgan nicht der Grünen insgesamt, sondern der Realo-Strömung, was nicht ausschloss, dass vereinzelt Linke auch dort publizierten.

Unter dem Einfluss ehemaliger Maoisten stand auch der erst 1988 entstandene „Aufbruch“. Dieser hatte zwar den erklärten Anspruch, als Mittelgruppe zwischen den Hauptströmungen zu wirken, driftete aber, nicht zuletzt unter dem Einfluss einiger ostdeutscher Bürgerrechtler, an die rechte Seite der Realos.

Wie gesagt, dies sind bezogen auf Ihre Analysen nur Marginalien; aber als ehemaligen aktiven Zeitgenossen, promoviert im Fach „Innenpolitik und Zeitgeschichte/Parteienforschung“,  hat es mich zu dieser Klarstellung gedrängt.