Von der katholischen Jugend über die Basisgruppen zu den Grünen

Noch herrschte die graue Kargheit der Nachkriegszeit, als ich 1952 in Gelsenkirchen zwischen Zechen und Kokereien in einer Genossenschaftssiedlung der katholischen Arbeiterbewegung geboren wurde. Meine Mutter, Maria-Theresia Volmer, geborene Saager, war Säuglingsschwester, praktizierte aber, dem konservativen Zeitgeist und der religiösen Überzeugung folgend, als Hausfrau. Vater Günter Volmer hatte als Soldat heftige Schlachten überlebt und sich nach Ausbildungen als Landarbeiter und Chemielaborant über Sonderprüfungen zum angestellten Chemieingenieur hochgearbeitet. Sie waren, wie die Großeltern, keine Nazis gewesen, sondern wegen ihrer katholischen Beharrungskräfte einige Male gefährlich angeeckt. Nach und nach kamen drei Geschwister. Die Wohnsituation war anfangs sehr beengt, das Haushaltsbudget knapp, doch Straße, Gärten und Trümmergrundstücke boten Kindern Raum für Forschung und Entwicklung.

Nachdem der Vater, der seit 1950 für die CDU dem Stadtrat angehörte, 1966 in den Landtag und 1969 in den Bundestag einzog, besserte sich die materielle Lebenslage, ohne dass Reichtum ausbrach.

Kirche & Sozialarbeit

Das erzkonservative CDU-Milieu engte ein. Als weiterbildende Schule kam auf Rat des Pastors nur der altsprachliche Zweig des Schalker Gymnasiums infrage. Die Katholische Jungmännergemeinschaft (KJG) sollte Halt und Orientierung geben. Das Jahr 1968 brachte alles durcheinander – nicht nur Rudi Dutschke auf Berlins Straßen, sondern auch das 2. Vatikanische Konzil. Wir katholischen Jugendlichen suchten nun die Begegnung mit den evangelischen, statt uns weiterhin mit Steinen zu bewerfen und gründeten 1969 den „Ökumenischen Arbeitskreis Ückendorf“. Wir wollten „nicht nur beten, sondern Gutes tun“.

Gelsenkirchen Fronleichnam KAB Altar Kokerei Alma
Gelsenkirchen-Ückendorf Fronleichnam 1960, KAB-Altar vor Kokerei Alma

So gingen wir in eine slum-ähnliche Obdachlosensiedlung am Gemeinderand mit planungsverdrängten kinderreichen Familien, organisierten Hausaufgaben- und Spielnachmittage und versuchten, die Erwachsenen zur Revolte gegen die Stadtverwaltung zu motivieren. Mein Freund Uli Kaminski und ich schlugen an Kirchentüren Thesen gegen die soziale Indifferenz der Gottesdienstbesucher an. Wir lernten viel über Armut und Unrecht im Wirtschaftswunderdeutschland und fühlten uns bald „links“. Wir nannten uns nun „Team 71“, bekamen scharenweise Zulauf und wurden zu einem Kern der Gelsenkirchener „Szene“. Als solche kümmerten wir uns auch um den Erhalt von Arbeitersiedlungen, kämpften für ein Jugendzentrum, die Interessen von Lehrlingen, die Betreuung von Nichtsesshaften und widmeten uns der Integration türkischer „Gastarbeiter“, einschließlich der Bekämpfung ihrer Grauen Wölfe. 1974 hatten wir unser Ziel erreicht: „Unser“ Slum wurde aufgelöst und die Familien wurden mit ordentlichen Wohnungen versorgt. Zahlreiche Aktivisten von damals nahmen später für die Grünen kommunalpolitische Mandate wahr.

Studium und Basisgruppen in Bochum

Nach dem Abitur 1971 war ein Studium der Sozialwissenschaft und Pädagogik an der Ruhr-Universität Bochum naheliegend. Meine erste Dozentin war die spätere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, bei den SoWis erlebte ich noch Urs Jaeggi mit. Nach zwei Semestern wurde ich als staatlich anerkannter Kriegsdienstverweigerer zum zivilen Ersatzdienst in einem Bochumer Krankenhaus eingezogen. Zurück an der Uni und nun Bewohner einer Gelsenkirchener WG, fühlte ich mich bald vom dogmatischen politischen Furor der stark gewordenen maoistischen K-Gruppen genervt, der, gemessen an meinen Slum-Erfahrungen, jeden Realitätssinn vermissen ließ. In Karl-Heinz Lehnardt fand ich einen Gleichgesinnten. Wir begannen, an der SoWi-Abteilung „undogmatische Linke“ zu sammeln, die weder Peking noch Moskau noch den als reaktionär empfundenen heimischen Arbeiterorganisationen folgen, sondern „politische Arbeit mit persönlicher Emanzipation verbinden“ wollten. 1975 kandidierten wir als „Basisgruppe“ gegen die langjährigen Platzhirsche vom Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW), der Kommunistischen Partei Deutschlands/Aufbau-Organisation (KPD/AO) und dem DDR-nahen Marxistischen Studentenbund (MSB) „Spartakus“ um die Plätze im Fachschaftsrat. Wir gewannen die Mehrheit und bildeten eine Blaupause für ähnliche Gruppen überall an dieser und an anderen Unis. Bald hatten wir im Bündnis mit den eigentlich geschmähten anderen linken Gruppen dem CDU-Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) das Studentenparlament sowie den AStA abgenommen. Wegen der K-Leute im Bündnis scheiterten wir bald, mussten die Rechten wieder ranlassen, kandidierten ein Jahr später als „Basisgruppen“ pur und gewannen deutlich. Viele von uns bekleideten später bei den Grünen wichtige Positionen.

Trotz gerade abgeschlossener Diplom-Prüfung und begonnenem Promotionsstudium übernahm ich im AStA die Rolle des Chefredakteurs der Bochumer Studentenzeitung (BSZ). Bei der nächsten Wahl holten die Basisgruppen die absolute Mehrheit. Bis heute dominiert dort in Varianten die undogmatische Basislinke. Aktivisten der verbündeten Jusos, auch einige Ex-Spartakisten, trafen wir später in Landtagen, im Bundestag und in der Regierung wieder. Die Jungdemokraten traten, enttäuscht von der Rechtswende der FDP, später fast geschlossen den Grünen bei. Die maoistischen Gruppen verschwanden langsam, nicht ohne mich zu einem Hauptfeind zu erklären, was ich bei den Grünen, wo sich zahlreiche ehemalige K-Gruppen-Häuptlinge einfanden, bis heute zu spüren bekomme. Während ihnen Mitte der 1970er Jahre die zu Revolutionen verklärten Massaker der Roten Khmer nicht blutig genug sein konnten, waren ihnen später selbst die Basisgrüppler zu radikal – das „K-Gruppen-Paradox“.

Hannover 1979: Großdemo gegen Atomkraft

Wir unterstützten aus der Uni heraus die wachsenden Bürgerinitiativen, besonders die Anti-AKW-, die Friedens- und die Neue Frauenbewegung, aber auch Dissidenten in der DDR. Gegner war letztlich die SPD-Regierung von Helmut Schmidt. Nachdem diese über ein neues Hochschulrahmengesetz das „allgemeinpolitische Mandat“ der „verfassten Studentenschaft“ durch ein begrenztes „hochschulpolitisches“ ersetzt hatte, wurde die Hochschulpolitik öde. In einem BSZ-Essay erklärte ich: „Die Hochschule als Ort der Vernunft ist tot“ und rief zum Engagement in den Bürgerinitiativen auf.

Immer wieder kam die Diskussion um die Bildung einer neuen, von Moskau und Berlin-Ost unabhängigen Partei links von der SPD auf. Drei „Sozialistische Konferenzen“, an denen auch wir Basis-Linke teilnahmen, führten zu keinem befriedigenden Ergebnis. 1979 dann standen Europawahlen an und viele Initiativen liebäugelten mit einem „parlamentarischen Arm“. So gründete sich die „Sonstige politische Vereinigung (SPV) Die Grünen.“ Nicht nur ich sah jetzt endlich die Massenbasis für eine neue Partei. Auf Bundestreffen der Basisgruppen plädierte ich leidenschaftlich für ein Mitmachen bei der „Wahlbewegung“ und trat selbst der Bochumer Initiative bei. Leitend für viele „undogmatische Linke“ wurde auch das Buch „Politik zwischen Kopf und Bauch“, mit dem Karl-Heinz Lehnardt und ich den theoretischen Bruch mit dem K-Gewese zugunsten von selbstbestimmten Basisinitiativen fundierten. (Kalle verunglückte tragischerweise kurz darauf bei einem Autounfall.) Die „Basisgruppen“ wurden zu einem der großen Gründungsströme der Grünen.

Die 1960er und 70er Jahre bestanden nicht nur aus Politik, sondern auch aus Sport. In der Tischtennisabteilung von Schalke 04 brachte ich es im Jobsharing mit Bruder und Freund für einige Monate zum Schriftführer, mein erster Funktionärsjob. Später folgten Ligasport im Volleyball und Fußball, die alte Liebe zu Schalke 04 überdauerte alle Abstiege und Niederungen.

Globetrotter

Wichtiger noch waren die Reisen. 1971 begannen Tramp- und Backpacker-Touren durch ganz Europa, den Ostblock bis auf Ungarn und Jugoslawien ausgenommen. In Ost-Berlin besuchte ich einmal jährlich Brieffreunde. In den portugiesischen Nachrevolutionswirren von 1976 lernte der lockere Basis-Typ, der ich war, von Freunden, die im Untergrundkampf gegen den Faschismus und die Kolonisierung in Afrika gefoltert worden waren, viel über politischen Ernst. Ab 1978 erkundete ich den Rest der Welt, erst Westafrika, dann Ostafrika, wo mit der erfolgreichen Besteigung des Kilimandscharos auch die Lust am Bergsteigen begann. Noch kurz vor der Wahl in den Bundestag wanderte ich 1982 wochenlang den klassischen Anmarschweg der großen Himalaya-Expeditionen von Kathmandu zu einem Gipfel über dem Base Camp des Mount Everest. Die Reiseerfahrungen bildeten eine Basis für die spätere Arbeit in der Außen- und Entwicklungspolitik.

L.V. in Nepal vor dem Mount Everest
1982 in Nepal auf 5500 m vor dem Mount Everest

Folgenreicher Start ins Arbeitsleben

Nachdem meine Jobs als wissenschaftliche Hilfskraft an der Uni ausliefen, gab ich Kurse an Volkshochschulen, arbeitete an Studien zur empirischen Sozialforschung und nahm 1980 eine Stelle am „Institut für Wohnumfeldverbesserung“ in Gelsenkirchen an, das zum Kommunalverband Ruhrgebiet gehörte. Hier ließ mich eine Landschaftsarchitektin ihre Entwürfe für die Rekultivierung der großen Bergehalden im Pott einsehen – eine Chance, die Rhein-Elbe-Halde in meinem Heimatstadtteil mitzugestalten. Hauptsächlich sollte der Kollegenkreis Freizeit- und Begegnungsmöglichkeiten entwickeln, damit eine im florierenden Revier anstehende Arbeitszeitverkürzung nicht zu Müßiggang führe. Es kam anders, nichts florierte, sondern mit dem Untergang von Kohle- und Stahl-, Textil- und Glasindustrie hinterließ der Strukturwandel einen gehörigen Flurschaden. Später trugen Ideen, die in unserem manchmal abenteuerlichen Brainstorming geboren worden waren, zum Aufbau des Tourismus im Ruhrgebiet bei, etwa Radwege entlang der Wasserstraßen oder Kulturstätten in Industrieruinen.

Eine andere Aufgabe sollte entscheidend für meinen weiteren Lebensweg werden. Zusammen mit zwei Kollegen bekam ich den Auftrag, ein Sanierungsgutachten zu verfassen, um in einer Revierstadt eine zentrumsnahe Arbeitersiedlung, in der zahlreiche türkische Familien wohnten, abreißen und durch moderne City-Häuser für die gehobene Mittelschicht ersetzen zu können. Wir sollten „besondere Wohnungswünsche“ türkischer Familien ermitteln, letztlich zu deren Umsetzung in eine Stadtrandsiedlung, vergleichbar meinem ehemaligen Obdachlosen-Slum, vielleicht garniert mit Schlachtplatz für Hammel und Schwatzplatz für Frauen – wie der damals aktuelle Stand der Vorurteile suggerierte. Wir lehnten die Aufgabe als rassistisch ab, wurden jedoch unter Androhung sofortiger Entlassung gezwungen zu liefern. Im Sanierungsgebiet organisierten wir heimlich eine Bürgerinitiative gegen uns selbst, die den Abriss verhindern sollte. Unser Gutachten kam zum Ergebnis, die Siedlung müsse erhalten und mietergerecht modernisiert werden. Das besiegelte unser Ende im Institut. Wir wurden langzeitarbeitslos, die Siedlung blieb. Einen Prozess um mein Arbeitszeugnis gewann ich gegen die Gewerkschaft ÖTV (heute Teil von Verdi); mein beklagter Chef war zugleich ÖTV-Vertrauensmann. Also trat ich aus. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht ahnen konnte: meine Widerständigkeit sprach sich bei den gerade gegründeten Grünen herum und verschaffte mir anderthalb Jahre später einen Listenplatz für ein Bundestagsmandat.