Mein Wahlkreis sollte wissen, was ich als Staatsminister so treibe. Schließlich war ich der erste Minister aus Gelsenkirchen. Die WAZ schickte einen Gelsenkirchener Lokalredakteur, der mich einen Tag lang bei meinen Berliner Staatsgeschäften begleitete. Hier sein Bericht (Ende 2001/2002)
Turbulente Zeiten für Fischers Vize
Ein Gelsenkirchener im Auswärtigen Amt: Ludger Volmer ist Brückenbauer, Diplomat und Schalker
Steht die Koalition vor dem Aus? Nebensache. Das Morgenmagazin-Team im ZDF-Studio Unter den Linden hat am Donnerstag ganz andere Sorgen: Wo ist Volmer? Für 7.05 Uhr ist das Live-Interview angesetzt – doch vom Staatsminister ist kurz vor sieben weit und breit keine Spur.
Plötzlich: Entwarnung! Ludger Volmer schreitet durchs weitläufige Foyer, am Ohr Islamabad. Der deutsche Botschafter bringt den Staatsminister telefonisch auf den aktuellen Stand über den Zustand der Shelter now-Mitarbeiter. Pudern und Verkabeln zwischen Tür und Angel, Platz nehmen auf der Sitzgruppe, kurze Absprache mit der Moderatorin und – Rotlicht. Nach dem Thema Geiselbefreiung folgt das Unvermeidliche: Fragen zur Vertrauensfrage. Der ruhige, aber spürbar angespannte Volmer will den Abweichlern seiner Partei via TV eine Brücke bauen. Von einer völlig veränderten Situation in Afghanistan spricht er, und davon, dass eine Eskalationsgefahr ja nicht mehr gegeben sei.
Doch Ludger Volmer kann auch anders. Bei Neuwahlen drohe der Partei der Fall in die Bedeutungslosigkeit, warnt der Mann, der 1979 die Grünen mitbegründete und stets als Flügel-versöhnender Faktor seiner Partei galt. Nach einem Scheitern an der 5-Prozent-Hürde werde in vier Jahren kein Hahn mehr nach der Partei krähen. Und: Der Abwärtssog würde dann auch die Grünen in Land und Kommune erfassen. Raus aus dem Studio, rein in den Dienst-BMW. Der Mann, den alle nur Joppi nennen, fährt den 49-jährigen Politiker ins Auswärtige Amt. Das Thema: Der Triumph über die Ukraine. Gegen das Dortmunder Publikum kann man ja leider nichts mehr sagen, sagt Ludger Volmer, Torwart der Bundestags-Elf Grüne Tulpe. Aber gegen Bundes-Ruuudi: Kein Königsblauer habe mitgekickt, beklagt sich S 04-Fan Volmer. Am Werderschen Markt öffnet sich das eiserne Tor des Auswärtigen Amts, Männer in Grün winken die Limousine durch. Ludger Volmer lässt auf der Treppe den roten Teppich links liegen und nimmt die sandfarbenen Stufen des ehemaligen Sitzes der Reichsbank und des SED-Zentralkomitees.
Stockwerk 2, Bereich 0, Zimmer 14 – hier residiert der Staatsminister aus Ückendorf. Im Vorzimmer sitzen über 30 Jahre Botschafts-Erfahrung: Isolde Rausch und Ursula Blaffert, die dem Staat als Sekretärinnen schon in Malaysia, Somalia oder Norwegen gedient haben. Guten Morgen! RTL wolle ein Interview, sagt Martina Nibbeling, Volmers vortragende Legationsrätin, man kann auch sagen: rechte Hand. Der Vielgefragte schnappt sich einige Papiere sowie den neuen Stern mit dem (Anti-)Kriegs-Titel und verschwindet erst mal hinter der staatstragenden Holztür seines großen Reichs – vier Meter hoch, Kirsche.
Nach der Lektüre bittet Herr Minister zu Tisch: Arbeitsfrühstück mit den Parteisprechern des Menschenrechtsausschusses. Mit Leutheusser-Schnarrenberger, Gröhe, Nickels und Co. bereitet er die internationale Menschenrechtskommission vor, diskutiert bei Rührei und Schinken über Resolutionen und Tschetschenien. Zum Nachtisch serviert das RTL-Team dem Staatsminister in dessen Büro Fragen zur Geiselbefreiung und Grünen-Zukunft. Es sei doch eigentlich tragisch, sagt die RTL-Reporterin nach dem Abschalten der Kamera, dass die Koalition an einer Frage zerbrechen könnte, die sich aufgrund der neuen Situation in Afghanistan so nicht mehr stelle. Es gibt nun mal auch tragische Helden, sagt Ludger Volmer.
Mit Joppi und Referent Erik Tintrup geht’s Richtung Paul-Loebe-Haus zum Haushaltsausschuss. Für die Öffentlichkeit gilt das Lumpi-Prinzip: Wir müssen leider draußen bleiben. Nach der Sitzung muss sich Volmer im benachbarten Reichstag für Fischer und die Galerie in die fast leere Regierungsbank setzen und einer Debatte über das Naturschutzgesetz folgen. Sitzungspause – Zeit für einen Plausch in der Abgeordneten-Cafeteria. Die neuesten Wasserstandsmeldungen und Gerüchte über die Zahl der Abweichler werden ausgetauscht. Es wird eng, sagt Volmer, wenn sich nur ein Abgeordneter ein Bein bricht oder zum Zahnarzt muss, schlägt die List der Geschichte zu. Doch auch am Fußball kommt Volmer (mal wieder) nicht vorbei: Der Emir von Katar wolle in seinem Land die Arena Auf Schalke nachbauen, erzählt er. Allerdings mit einer kleinen Zugabe: Auf dem Dach der Arena soll ein pyramidenförmiges Hotel entstehen.
Zurück im Amt, kommen die Medien erneut zu ihrem Recht: Interview mit der Deutschen Welle. Im Stechschritt geht’s anschließend mit Martina Nibbeling durch die langen Gänge des Auswärtigen Amts, um das von Volmer ins Leben gerufenen Forum Globale Fragen zu eröffnen. Eigentlich ist das eine Beleidigung, sagt er plötzlich. Das Forum? Nein. Die schwarz-gelb gestrichene Wand, die der Staatsminister soeben passiert hat. Nach dem Redner Volmer beweist der Diplomat Volmer sein Geschick. Er begleitet den OECD-Generalsekretär Donald Johnston bis zum Auto. Eine gute Geste, lobt Martina Nibbeling. Denn: Der Gast sei alles andere als glücklich darüber gewesen, dass sein persönlicher Termin beim Fischer-Vize abgesagt werden musste.
Der Grund steht kurz darauf vor dem Büro 2.0.14 auf der Matte: ein Mann vom Spiegel, der ein Hintergrundgespräch mit dem Politiker und Staatsminister führt. Zum Schluss darf gelacht werden. Wenn’s schief gehen sollte bei den Grünen, unkt Volmer, könne er ja als Spiegel-Volontär anheuern. Oder als Pressesprecher von Rudi Assauer, kontert der Journalist. Im Büro sind derweil neue Interviewanfragen eingegangen. Doch der Staatsminister nimmt sich zunächst mal Zeit für den Journalisten-Nachwuchs und lässt sich von Joppi zum Reichstag chauffieren. Im Stau erinnert er sich an ein Interview mit einer noch jüngeren Schreiber-Garde: zehnjährige Schüler, die anschließend in ihrem Schülerzeitungsbericht vor allem hervorgehoben haben, dass Ludger Volmer seinen Urlaub nicht bei Joschka Fischer beantragen muss, sondern selbst planen kann.
16.20 Uhr: Volontäre der Essener WAZ-Journalistenschule Ruhr warten schon im Reichstag. Nehmen Sie heute Abend eine Schlaftablette?, fragt ein Volontär in Anspielung auf die Schicksalsfrage am Freitag. Nein, ich habe einen guten Schlaf, sagt Ludger Volmer. Wie die Entscheidung im Bundestag ausfallen werde, will einer wissen. Et kütt, wie et kütt, antwortet der etwas zugeknöpfte frühere Wahl-Bonner Volmer. Er wolle sich nicht an Spekulationen beteiligen. Und: Er habe auf die Abweichler keinen großen Einfluss, versichert er. Doch auch bei einem Verhindern des Bruchs im Bundestag sei Rot-Grün lange nicht über den Berg: Der Parteitag in Rostock wird für uns sehr, sehr schwer. Sehr, sehr schnell macht sich Volmer nach dem halbstündigen Gespräch auf den Rückweg ins Amt. So, was stehen uns denn jetzt noch für große Taten bevor?, fragt er launig in die Runde. Zunächst mal: Befassen mit Beschwerden. Kreisverbände haben gegen Volmers Prophezeiung im ZDF protestiert. Und auch die These von der nicht existenten Eskalationsgefahr ist auf Kritik gestoßen.
Bevor sich die Grünen zur entscheidenden Fraktionssitzung am Abend im Reichstag treffen, verabschiedet Ludger Volmer einen Mitarbeiter des Auswärtigen Amts in den Ruhestand. Stunden später steht fest, dass das Ausscheiden des Gelsenkirchener Staatsministers aus seinem Amt noch kein Thema ist. Zumindest bis zum Parteitag in Rostock …
© waz, Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages.