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Frage: Die Partei Bündnis 90/Die Grünen hat ihre Wurzeln u. a. in der ostdeutschen Bürgerbewegung, die maßgeblichen Anteil an der „friedlichen Revolution“ in der DDR hatte. Kann man sagen, dass die Zeit der Entstehung der Grünen (durch das Ende der DDR, durch das Ende des Kalten Krieges) eine viel politischere war und somit auch die Partei politischer sein musste?

LV: Die Grünen hatten bei Gründung 1980 einen sehr politischen Vorlauf in Westdeutschland seit Mitte der 60er Jahre. Sie traten ein für die Anerkennung eines neuen Grundwertes „Ökologie“ verbunden mit dem außenpolitischen Engagement für „Frieden“. Das waren die alles verbindenden Elemente. Doch dann mussten sie sich entscheiden, welchen Ort sie in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen einnehmen wollten, ob sie eher rechts (biologistische Blut-und-Boden-Naturschützer) oder links (Emanzipation, soziale Gerechtigkeit, libertär) sein wollten. Es ging also immer um fundamentale Grundwerte. Verstärkt wurde dieser Anspruch nach der Wende durch die Demokratiediskurse der ehemaligen DDR-Opposition.

Frage: Internet, Anarchie, knallige Farbe und knalliger Name – sind die Piraten dagegen nicht mehr Mode als ernstzunehmende Partei?

LV: Zur grünen Gründungszeit gab es noch kein Internet, und bei seinem Aufkommen hat die Partei es zunächst offiziell abgelehnt, dann aber intensiv genutzt. Die Grünen waren modernisierungskritische Modernisierer, d.h. standen neuen Techniken skeptisch gegenüber. Einigen wie der Atomkraft auch feindlich. Hierin spiegelt sich vielleicht eine tendenziell andere geistige Innenausstattung von sozialwissenschaftlich-philosophischer und technisch-mathematischer Intelligenz. Anarchisch waren die Grünen anfangs auch, ihr Name und ihr Outfit, die erst viele verstörten, wurden später als Öko-Mode dem Konsumismus einverleibt. Vom Äußeren kann man nicht auf die Ernsthaftigkeit schließen. Die arrivierten Grünen haben es aber mit ihrer Etablierung übertrieben und damit die Piraten möglich gemacht.

Frage: Kann man allein aus der Entstehungsgeschichte der Parteien Erfolg bzw. zukünftigen Niedergang schon voraussehen?

LV: Bei den Grünen hat sich mancher kluge Kopf geirrt, der sie für eine „vorübergehende Erscheinung“ hielt. Denn die Grünen hatten Grundwerte, durchdachte Ideen und „Geschichte“. Die Piraten sind eine technische User-Gemeinde, die sich eher um Gebrauchsanweisungen für Software-Programme schart, und ausprobieren möchte, was man damit alles anstellen kann. Es gab öfters Versuche, Technik und Spielzeug zur Weltanschauung zu erklären, z.B. das Beachsurfing in Kalifornien oder hier und da eine Autofahrerpartei; so versuchte man, dem eigenen Fun eine höhere Bedeutung zu verleihen.

Frage: Können und sollten wir die Piraten ernst nehmen? Wie sah das damals bei den Grünen aus?

LV: Die Grünen wurden anfangs verhöhnt und bespuckt, dann aber ernst genommen wegen ihrer Grundwerte, und noch ernster, als es um ihre Regierungsbeteiligung im Bund ging. Wer heute mit seiner parlamentarischen Präsenz Rot-Grün als Alternative zur schwarz-gelben Bundesregierung verhindern kann, ist ernst zu nehmen – die Piraten wie die Linke. Weil sie selbst keine belastbare Machtalternative bieten, haben sie die objektive Funktion, die herrschende Konstellation oder eine Große Koalition an der Macht zu halten und Rot-Grün zu verhindern. Vielleicht ergibt sich positiv, dass mit neuer Technik tatsächlich Verfahren zur Erweiterung demokratischer Partizipation gefunden werden. Dann probieren die Grünen, die Erfinder der Basisdemokratie, sie vielleicht auch noch einmal aus.

Frage: Eine Partei ohne Programm zu wählen – ist das gefährlich oder nicht?

LV: Die FDP zu wählen, ist sicher gefährlicher – wegen ihres Programms. Aber die Alternative ist bestimmt nicht die Schwarmintelligenz, vergleiche das weiß-schleimige Mikroben-„Yrr“ bei Schätzing, sondern eine ökologisch-humanistische Vernunft.

Frage: Was glauben Sie – werden sich die Piraten etablieren können?

LV: In Somalia, ja.

(Interview zur Gründung der Piraten-Partei, 17. April 2012)