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In seiner Dissertation an der Uni Potsdam untersucht Florian Schikowski, wie Teile der ostdeutschen Demokratiebewegung den Weg zur Fusion mit der Partei Die Grünen fanden.  (Florian Schikowski, Wie das Bündnis 90 zu den Grünen kam. Die ostdeutsche Demokratiebewegung und der Wandel der Ökopartei nach 1990, Berlin 2025, Ch. Links-Verlag) Diesen Prozess habe ich als Vorsitzender der Grünen mit eingeleitet und maßgeblich gemanagt. In mehreren Passagen wird meine Rolle beschrieben und bewertet. Hier einige Ausschnitte.

 

Obwohl es bisher noch keine detaillierte und ausführliche (zeit-)historische Auseinandersetzung mit dem Zusammengehen von Bündnis 90 und Grünen gibt, kursieren seit den 1990er Jahren bereits unterschiedliche Deutungen des Entstehungsprozesses der „Schrägstrichpartei“[31]– wie Werner Schulz sie einmal nannte – Bündnis 90/Die Grünen.

Diese lassen sich in vier dominante, untereinander konkurrierende Stoßrichtungen einordnen. …

…Dieser Deutung entgegen steht eine vierte Perspektive, die in erster Linie von der Partei selbst und deren führenden Politiker*innen seit der Fusion vertreten wurde und die Erfolge des Fusionsprozesses betont.[32] Diese Deutung betont, dass es im Vergleich zu den anderen bundesdeutschen Parteien die Grünen waren, die ihre ostdeutschen Partner*innen erfolgreich und „auf Augenhöhe“ integriert hätten, was schon allein dadurch sichtbar würde, dass die Partei das „Bündnis 90“ seitdem sogar im eigenen Namen vorantrage. Die Verfechter*innen dieser Deutung vermieden es meist jedoch, eine glatte Erfolgsgeschichte zu zeichnen. Stattdessen betonten sie zugleich die strukturellen Probleme der fusionierten Partei in Ostdeutschland, die größere Erfolge der ostdeutschen Bündnisgrünen unmöglich gemacht hätten. Darum lässt sich diese vierte Deutung am ehesten als das Bestmögliche-Narrativ bezeichnen.

So wie der in dieser Arbeit untersuchte Prozess des Zusammengehens von Bündnis 90 und Grünen nicht mit den eigentlichen Fusionsverhandlungen begann, so endete er auch nicht mit dem Assoziierungsparteitag im Mai 1993 in Leipzig, auf dem der erste gemeinsame Vorstand mit Marianne Birthler und Ludger Volmer als Sprecher*innen-Duo gewählt wurde. Vielmehr war das technische Zusammengehen zur gemeinsamen Partei Bündnis 90/Die Grünen im Jahr 1993 erst der Auftakt einer intensiven Integrationsphase, die die Partei weiter veränderte und damit das bundesdeutsche Parteiengefüge umformte.

Ludger Volmer dagegen gehörte nie zu den Grünen, die ein besonders enges Verhältnis zu den dissidentischen Szenen in Mittel- und Osteuropa unterhielten. Auch in der Deutschlandpolitik trat Volmer in den 1980er Jahren nicht in Erscheinung, sodass er auch nicht in eine der von Regina Wick herausgearbeiteten deutschlandpolitischen Strömungen bei den Grünen eingeordnet werden kann. Aus Volmers Aussagen im Zeitzeugengespräch mit mir lässt sich eine große Distanz zur politisch alternativen Szene in der DDR herauslesen: Zwar hatte Volmer einzelne private Bekanntschaften in der DDR, aber die oppositionellen Persönlichkeiten kannte er nicht, „wusste nicht mal was von denen“[33] und eine Vorstellung, wie stark beziehungsweise einflussreich die Opposition innerhalb der DDR-Gesellschaft war, hatte er nicht.[34] Heute begründet er diese Distanz vor allem mit der arbeitsteiligen Funktionsweise, die sowohl für die Bundestagsfraktion als auch für die Parteigremien grundlegend war. Demnach überließ er das Politikfeld DDR beziehungsweise Deutschlandpolitik den Expert*innen und kümmerte sich selbst vor allem um Fragen der sogenannten Dritten Welt.[35] Mit dem Beginn des Umbruchs in der DDR im Herbst 1989, als die gerade entstehende „Bürgerbewegung“ in der DDR sichtbar wurde und sich als mögliche Kooperationspartnerin für die Grünen herausstellte, habe sich Volmer schließlich in seiner Haltung zu deutschlandpolitischen Fragen stets an den Forderungen ebenjener Gruppen orientiert und diese damit vorbehaltlos unterstützt.[36]

Volmers Schilderungen offenbaren eine Distanz, also eine große gedankliche Entfernung zu den politisch alternativen Gruppen und der politischen Situation in der DDR insgesamt. Er hat sich mit den Gruppen nicht verbunden gefühlt, weil er einfach nicht viel über sie wusste. Das heißt gleichzeitig aber auch, dass er keine politischen Differenzen mit diesen Gruppen spüren oder gar austragen konnte, da er deren Standpunkte gar nicht kannte. Damit steht Volmer symptomatisch für einen großen Teil der Grünen in der Bundesrepublik, für die die DDR auf der inneren politischen Landkarte einfach keine (große) Rolle spielte. Diese Haltung ließe sich negativ als Ignoranz abtun – wie es auch sowohl von Basis- und Symbolpolitiker*innen als auch von Vertreter*innen der „Bürgerbewegung“ getan wurde[37]

Aber auch Ludger Volmers Betonung, dass er ab dem Moment, in dem die politisch alternative Szene in der DDR im Zuge des demokratischen Umbruchs zur „Bürgerbewegung“ wurde, diese vorbehaltlos zu unterstützen versuchte, wirft ein Schlaglicht auf die west-grüne Wahrnehmung der DDR-Gruppen: Die Ereignisse des Herbstes 1989 in der DDR erhielten eine so große Öffentlichkeit und die Unmittelbarkeit der geografisch so nahen Ereignisse östlich der innerdeutschen Grenze politisierten die Themen DDR, SED-Diktatur, deutsche Teilung und Opposition in der DDR in kürzester Zeit unheimlich. Das führte dazu, dass sich nun auch Politiker*innen, die bisher keinen elaborierten Standpunkt zu diesen Themen entwickelt hatten, ad hoc positionieren mussten. Und das taten die Grünen insgesamt, indem sie sich mit den neu entstandenen „Bürgerbewegungen“ solidarisierten – selbst, wenn sie diese nicht genau kannten oder einschätzen konnten.

Entgegen diesen eher pragmatischen und realpolitischen Strukturbeschlüssen setzten sich (auf der Bundesdelegiertenkonferenz im April 1991, LV) überraschend die beiden gemäßigt linken Kandidat*innen Ludger Volmer aus Nordrhein-Westfalen und Christine Weiske aus Brandenburg, die für die ostdeutschen Landesverbände bereits seit Dezember im Bundesvorstand gesessen hatte, als neues Führungsduo durch. Die „Realos“ um Joschka Fischer hatten versucht, ein Trio bestehend aus Hubert Kleinert, Antje Vollmer und Vera Lengsfeld zu installieren.[38] Faktisch entpuppte sich dieses auf den ersten Blick uneindeutige Ergebnis der BDK – mit Abstimmungserfolgen in strukturellen Fragen für die „Realo“-Reformen, die die Effizienz des Parteiapparates stärken sollten, während Personen gewählt wurden, die eher für die linksorientierte Parteibasis standen, dabei jedoch keine expliziten „Fundi“-Standpunkte vertraten – jedoch als entscheidender Aufbruch für die Partei, um wieder handlungsfähig zu werden. Dass historische und politikwissenschaftliche Analysen den Parteitag von Neumünster mit einigem zeitlichen Abstand als eine der wichtigsten Zäsuren der Parteigeschichte bewerteten, bei der entscheidende Weichen für die späteren Erfolge der Partei gestellt wurden,[39] konnten die zeitgenössischen Beobachter*innen der Geschehnisse rund um die BDK nicht ahnen.

So abgeschreckt von den Umständen der BDK übersahen viele „Bürgerbewegungs“-Vertreter*innen, welch grundlegende Veränderung der Ausrichtung der Partei die in Neumünster verabschiedete „Erklärung von Neumünster“[40] bedeutete – und das obwohl die BDK als Anhang zu dieser Erklärung auch noch eine gesonderte Stellungnahme zum zukünftigen Verhältnis der Grünen zur „Bürgerbewegung“ beschloss.[41] (Beide Texte hatte ich entworfen, in streitigen Debatten durchgesetzt und anschließend einer breiteren Kompromissbildung zugänglich gemacht. LV) Die „Erklärung von Neumünster“ bedeutete mit dem Bekenntnis, als Grüne eine „ökologische Reformpartei“ zu sein, nicht weniger als ein neues Selbstverständnis und damit – wie Silke Mende in einem Aufsatz zugespitzt folgerte – das endgültige Ende der „Anti-Parteien-Partei“.[42]

…Der grundlegende Konflikt, ob man sich überhaupt an Regierungen beteiligen wolle, wich der Auseinandersetzung, zu welchem Preis man Regierungskompromisse einzugehen bereit war. Diese graduelle, aber folgenreiche Verschiebung war für die ostdeutsche „Bürgerbewegung“ nicht wahrnehmbar, zu sehr überdeckte das Getöse des Parteitages die inhaltlichen Entscheidungen. Da half auch der lange Aufsatz des scharfsinnigen politikwissenschaftlichen Grünen-Beobachters Joachim Raschke nicht, den er circa einen Monat nach dem Parteitag in der taz unterbrachte, und in dem er die in Neumünster beschlossenen Reformen bereits einordnete.[43] Abgesehen davon, dass Raschke zugab, dass es zum Verständnis der Geschehnisse von Neumünster des „Know-how der Insider der Green-Watchers“ (Der ironische Begriff analog zu den britischen queen-watchers stammt von mir, LV) bedurfte, diagnostizierte er unter anderem, dass Neumünster den grünen Grundwert der „Basisdemokratie“ in „Demokratisierung“ beziehungsweise „Demokratisierung der Grünen selbst“ umgewandelt hatte.[44] Dass die basisdemokratischen Idealen anhängenden Kritiker*innen von der „Bürgerbewegung“ überhaupt nicht auf solche inhaltlich relevanten Beschlüsse eingingen, sondern vor allem die Streitkultur und den politischen Stil der Auseinandersetzung in Neumünster ablehnten, zeigt, wo die eigentliche Sollbruchstelle zwischen ostdeutscher „Bürgerbewegung“ und den Grünen lag. Dass der Parteitag mit der „Erklärung von Neumünster“ dem Bündnis 90-Umfeld die Hand reichte und sich zur gegenseitigen Annäherung bekannte und dafür konkrete Schritte einleitete, fiel darum kaum ins Gewicht. Dabei bemühte sich das Papier redlich um die Anerkennung der „Bürgerbewegung“ als ebenbürtige Partnerin: Es hieß, der Prozess der Annäherung solle „nicht als Bevormundung oder Übernahme, sondern als gemeinsamer Lern- und Organisationsprozess“ ablaufen, er müsse jedoch „nicht in diesem abgeschlossen, aber […] endlich begonnen werden.“[45] Weiter bekannte das Papier: „Wir wollen die Vereinigung von GRÜNEN und BürgerInnenbewegung in einem demokratisch organisierten Verfahren, das die Neubestimmung unserer gemeinsamen Grundlagen ermöglicht.“[46] (Auf dieser Basis wurde ich zum Vorsitzenden gewählt, LV)

Im Dezember 1991 dann äußerte sich Wolfgang Templin gegenüber der taz, indem er ein Memorandum, das in erster Linie von Ludger Volmer „zur parteiinternen Diskussion“ verfasst worden war, als „anmaßend“ und als Diskussionsgrundlage ungeeignet bezeichnete.[47] Doch nicht nur aus dem Bündnis 90 erntete das im Dezember 1991 verbreitete Papier Kritik, sondern auch innerhalb der Grünen selbst sorgte der Text für Widerspruch. … Später erklärte Volmer, der Haupt-Verfasser[48] des Memorandums, er habe mit dem Text absichtlich provozieren wollen, um den seiner Meinung nach schleppenden Beginn der Verhandlungen zwischen Bündnis 90 und Grünen anzuschieben, indem er eine kontroverse Debatte zu befeuern suchte.[49] Das war ihm wahrlich gelungen mit dem Papier. (Jahre später kam Wolfgang Templin spontan auf mich zu und umarmte mich. Viele Bürgerrechtler hatten im Nachhinein mein Manöver verstanden. Ich verstand Templins Geste als Entschuldigung, die ich natürlich akzeptierte. LV)

… Damit wirkte das Memorandum – gerade wegen seines viel kritisierten Tonfalls – tatsächlich als Katalysator für die Annäherungs-Verhandlungen von Grünen und Bündnis 90. Ob diese Wirkung vom Verfasser Ludger Volmer im Vorhinein intendiert war, wie er später für sich reklamierte, spielt da gar keine Rolle mehr. Aber weil es gerade diejenigen empörte, die an einem fairen Aufeinanderzugehen interessiert waren und diese zu einer Reaktion provozierte, wurde der Memorandum-Eklat zum Startpunkt für die Assoziationsverhandlungen von Grünen und Bündnis 90, die das Jahr 1992 für beide Seiten dominierten.

Dabei setzten die Teile des Bündnis 90, die den Grünen eher distanziert gegenüberstanden darauf, auch andere Organisationen – zuallererst die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) – mit ins Boot zu holen, um der drohenden grünen Übermacht mehr entgegensetzen zu können und gleichzeitig die bundesdeutsche Parteienlandschaft noch tiefgreifender zu verändern.

In diesem Sinne nahm das Bündnis 90 Kontakt zur 1982 vom gründungsgrünen Herbert Gruhl gegründeten konservativen Öko-Partei auf, um mögliche Kooperationen auszuloten.[50] Die ÖDP hatte damals rund 4000 Mitglieder[51] – womit sie immerhin deutlich größer als das Bündnis 90 war – existierte bereits seit ungefähr zehn Jahren mit einigen Achtungserfolgen bei Wahlen vor allem in Süddeutschland[52]und einem Bundestagswahlergebnis 1990 von 0,4 Prozent. Sie hätte als dritte Kraft in Verhandlungen über ein Zusammengehen mit Bündnis 90 und Grünen also einen relevanten Faktor darstellen können. … Darum war die ÖDP grundsätzlich zu Gesprächen mit Grünen und Bündnis 90 bereit. Jedoch zeigte sich schnell, dass derartige Bestrebungen für die Grünen nicht in Frage kamen.[53] Die Grünen wollten nichts mit der teilweise als rechtskonservativ und christlich-fundamentalistisch wahrgenommenen Kleinpartei zu tun haben.[54] Außerdem befürchteten sie, die ohnehin schon komplizierten anstehenden Verhandlungen mit dem Bündnis 90 würden durch eine dritte Partei zur unlösbaren Herausforderung.[55] Dem mussten sich die ÖDP-Sympathisanten im Bündnis 90 fügen, wenn sie weiter mit den Grünen verhandeln wollten. Trotzdem geisterte das Thema einer möglichen Kooperation mit der ÖDP in verschiedenen Anträgen und Redebeiträgen durch die erste reguläre Bündnis 90-BDK, die Anfang Mai 1992 in Berlin stattfand.[56]

So konnte die vereinigte Partei Bündnis 90/Die Grünen ihren formalen Fusionsparteitag vom 14. bis zum 16. Mai 1993 in der Leipziger Messehalle 7 durchführen, auf der die Delegierten in erster Linie ihr neues Führungsduo wählten: Marianne Birthler als ostdeutsche Frau aus dem Bündnis 90 und Ludger Volmer als West-Grüner Mann sollten die „neue“ Partei nun führen. Die professionelle Regie der Annäherung seit den Bundesversammlungen von Bündnis 90 und Grünen im Mai 1992 und der für die Mitglieder einigermaßen transparent verlaufende Verhandlungsprozess spielten für den insgesamt erstaunlich glatt verlaufenden Prozess eine genauso große Rolle, wie die von Beginn an wirkenden und seitdem kaum veränderten politisch-strategischen Rahmenbedingungen: Vor allem die nahende Bundestagswahl 1994.

Christiane Ziller …, die als Bündnis 90-Vertreterin eigentlich Birthlers Verbündete hätte sein sollen, erinnert sich vor allem an die enge und harmonische Zusammenarbeit, die sie in dieser Zeit mit Ludger Volmer und Friedrich Heilmann pflegte, während sie mit Birthler einige Konflikte ausfocht.[57]

…In ihrem Aufsatz über die Geschichte der Parteivorsitzenden der Grünen charakterisierte Saskia Richter die Bundessprecher*innen der Partei in dieser Phase als pragmatisch und an der Professionalisierung der Partei interessiert. Wobei Richter den Hauptverdienst für die erfolgreiche Neuaufstellung nach Neumünster und das Zusammengehen mit dem Bündnis 90 bei Ludger Volmer und der Politischen Geschäftsführerin Heide Rühle verortete.


Fußnoten

[31] Werner Schulz, Ach Du Grüne 90!, in: Heinrich-Böll-Stiftung/Werner Schulz (Hg.), Der Bündnis-Fall. Politische Perspektiven 10 Jahre nach Gründung des Bündnis 90, Bremen 2001, S. 135-143, hier S. 142; nach dem Zusammengehen von Bündnis 90 und Grünen hieß auch das Mitgliedermagazin eine Zeit lang schrägstrich. (Die Zeitung samt Namen war meine Gründung als Parteivorsitzender, LV) Der Schrägstrich verwies auf die Komplexität der Parteikonstruktion aus Ost und West mit ihren jeweils eigenen Vorgeschichten und zeigte gleichzeitig den Willen an, zwei Teile gleichberechtigt nebeneinander zu stellen. In ihm spiegeln sich damit sowohl der Eigenanspruch des gemeinsamen Projektes als auch die dem Zusammengehen zugrunde liegenden Schwierigkeiten und Widersprüche. Noch abstrakter gedacht, ließe sich sogar die fallende Grenze zwischen Ost und West in der Schrägstrich-Metapher erkennen.
[32] Vgl. z. B. Ludger Volmer, Die Grünen. Von der Protestbewegung zur etablierten Partei – eine Bilanz, München 2009; Bündnis 90/Die Grünen (Hg.) Zeiten ändern sich, S. 51.
[33] Transkript Interview mit Ludger Volmer vom 31.1.2020, S. 3.
[34] Vgl. ebenda, S. 4-5.
[35] Vgl. ebenda, S. 4.
[36] Vgl. ebenda, S. 5.
[37] Über eine von der fusionierten Partei 1994 organisierte Tagung, die DDR-Politik der Grünen aufarbeiten sollte, schrieb die taz von einem Spannungsfeld „zwischen menschenrechtlichem Engagement auf der einen und sozialismusfreundlicher Ignoranz auf der anderen Seite“, das die gesamte Veranstaltung beim Blick auf die 1980er Jahre begleitete, Matthias Geis, Aufarbeitung – heiter und kontrovers. Die Grünen und ihre DDR-Kontakte: eine Tagung in Bonn, in: taz. die tageszeitung vom 12.3.1994, S. 4; auch Volmer selbst kritisiert im Zeitzeugeninterview, dass ihm von Seiten der DDR-Expert*innen in der Partei und den Vertreter*innen der „Bürgerbewegung“ Ignoranz vorgeworfen wurde, vgl. Transkript Interview Ludger Volmer, S. 4.  (Der oft zitierte taz-Redakteur Matthias Geis war keineswegs ein halbwegs objektiver Beobachter, sondern wahrnehmbar ein Kombattant der konservativen Richtung der Bürgerbewegung. Er wollte wie manch anderer eine Auflösung der Grünen und völlige Neugründung, LV)
[38] Vgl. Ferdos Forudastan, Für die Grünen geht es um alles oder nichts, taz. die tageszeitung vom 24.4.1991, S. 5, sowie Hubert Kleinert, Von der Protest- zur Regierungspartei. Die Geschichte der Grünen, Frankfurt a. M. 1992, 438-439.
[39] Vgl. Richter, Führung ohne Macht?, S. 188-189; Klein/Falter, Der lange Weg der Grünen, S. 96; Mende, Von der ‚Anti-Parteien-Partei‘ zur ‚Ökologischen Reformpartei‘, S. 285-287. So erinnert sich Reinhard Weißhuhn etwa, dass der Verlust der Ränder bei den Grünen nach dem Neumünster-Parteitag nun zu einfacheren Verhandlungen führte, vgl. Transkript Interview mit Reinhard Weißhuhn vom 23.7.2019, S. 12-13; Christiane Ziller hebt im Rückblick die „profimäßige“ Organisation der Verhandlungen hervor, vgl. Transkript Interview mit Christiane Ziller vom 4.9.2019, S. 20-21; Werner Schulz betont genauso die gute Organisation des Verhandlungsprozesses, vgl. Transkript Interview mit Werner Schulz vom 15.1.2020, S. 30-31; Ludger Volmer differenziert in seiner Erinnerung zwischen den Kräften beim Bündnis 90, die an einer Einigung interessiert waren – zu denen er während der Verhandlungen trotz politischer Differenzen gar zu einem „gewissen Vertrauensverhältnis“ gekommen sei – und Fusions-Gegner*innen aus dem Umfeld Günter Nookes, die dagegen aus seiner Sicht eine destruktive Rolle gespielt hätten, vgl. Transkript Interview mit Ludger Volmer vom 31.1.2020, S. 10-12.
[40] Erklärung von Neumünster (verabschiedet auf der BDK in Neumünster am 28.4.1991), in: AGG B.II.2 Nr. 3. DIE GRÜNEN und die BürgerInnenbewegungen (mit dem Vermerk: „Dieser Text ist Bestandteil der Erklärung von Neumünster und wird aus technischen Gründen gesondert abgedruckt.“), in: AGG B.II.2 Nr. 3
[41] DIE GRÜNEN und die BürgerInnenbewegungen (mit dem Vermerk: „Dieser Text ist Bestandteil der Erklärung von Neumünster und wird aus technischen Gründen gesondert abgedruckt.“), in: AGG B.II.2 Nr. 3. (Beide Texte hatte ich entworfen und in Neumünster vertreten. Auf dieser Basis wurde ich zum Vorsitzenden gewählt. LV)
[42]  Mende, Von der ‚Anti-Parteien-Partei‘ zur ‚ökologischen Reformpartei.
[43] Joachim Raschke, Was war neu an Neumünster?, in: taz. die tageszeitung vom 31.5.1991, S. 12-13 (der Aufsatz erschien später auch in den Blättern für deutsche und internationale Politik).
[44] Vgl. ebenda.
[45] DIE GRÜNEN und die BürgerInnenbewegungen (mit dem Vermerk: „Dieser Text ist Bestandteil der Erklärung von Neumünster und wird aus technischen Gründen gesondert abgedruckt.“), in: AGG B.II.2 Nr. 3.
[46] Ebenda.
[47] Vgl. Matthias Geis, B’90: Korrumpiert am Runden Tisch?, in: taz. die tageszeitung vom 21.12.1991, S. 4.
[48] Offiziell galt das Memorandum als gemeinsames Papier der beiden Bundessprecher*innen Christine Weiske und Ludger Volmer.
[49] Vgl. Volmer, Die Grünen und die Außenpolitik, S. 429
[50] Vgl. Gemeinsame Presseerklärung von ÖDP und Bündnis 90 vom 2.3.1992 nach einem Treffen der beiden Parteispitzen im Haus der Demokratie in Berlin, in: AGG A-Werner Schulz Nr. 32.
[51] Vgl. Deutscher Bundestag (Hg.), Unterrichtung durch die Präsidentin des Deutschen Bundestages. Bericht über die Rechenschaftsberichte 1991 sowie über die Entwicklung der Finanzen der Parteien gemäß §23 Abs. 5 des Parteiengesetzes (PartG), Deutscher Bundestag Drucksache 12/5575 vom 19.8.1993, URL: dserver.bundestag.de/btd/12/055/1205575.pdf, zuletzt aufgerufen am 23.9.2022
[52] Z. B. 1,7 Prozent der Stimmen bei der Landtagswahl 1990 in Bayern.
[53] Vgl. Protokoll Bundesvorstand vom 31.3.1992, in: AGG B.I.1 Nr. 595.
[54] Vgl. Ludger Volmer, Rede auf der 14. BDK der Grünen in Berlin, 14.-17.5.1992. Politischer Bericht des Vorstandes Teil II, in: AGG B.II.2 Nr. 282: hier bezeichnete Volmer die ÖDP als „Frauenfeinde, Antihumanisten und Sozialdarwinisten“; zur Rolle des „Ökofaschismus“ in der ÖDP; vgl. außerdem Uwe Kranenpohl, Die ‚christlichen‘ Grünen. Sozialstruktur und politische Einstellungen der Mitglieder der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP), in: Historisch-Politische Mitteilungen, Heft 15/2008, S. 47-61, hier S. 47
[55] Vgl. Brief von Helmut Lippelt im Namen des grünen Bundesvorstandes an ein Grünen-Mitglied aus Hamburg-Altona vom 12.5.1992, in: AGG B.I.1 Nr. 597.
[56] Vgl. Protokoll GA Bündnis 90 vom 11.5.1992 (Protokoll Nr. 16/1992), in: AGG A-Werner Schulz Nr. 32; owie Wolfgang Templin, Erklärung zum politischen Bericht des Vorstandes der Grünen, vom 16.5.1992, in: AGG B.I.1 Nr. 112
[57] Vgl. Transkript Interview mit Christiane Ziller vom 4.9.2019, S. 23